Geschichte

Vor dem Atelierhaus – 1785 bis 2004

Erstmals bebaut wurde das Gelände, auf welchem heute der PROGR steht, in den 1780-er Jahren. Das damalige Gebäude, das zuerst als Spitalkornhaus für das Burgerspital diente, wurde zwischen 1789 und 1881 zeitweise als Kaserne umgenutzt, zeitweise stand es gar leer.

Nachdem Bern im Jahre 1848 zur Bundeshauptstadt gewählt und kurz darauf an das Eisenbahnnetz angeschlossen worden war, stiegen einhergehend mit Industrialisierung und Bevölkerungswachstum die Ansprüche an schulische Infrastruktur in der Stadt. Man entschied sich 1881 dafür, das Burgerspitalkornhaus abzubrechen.

Auf dem Areal am Waisenhausplatz 30 sollte ein neues Gebäude entstehen: für das städtische Gymnasium sowie eine Primarschule für Knaben und Mädchen. Den Wettbewerb gewann das Projekt «Einfach» von Architekt Koch-Abegg, die Ausführung übernahm Eugen Stettler, der weder Preisträger noch Verfasser eines Projektes mit Ehrenmeldung war. Das neue Gebäude wurde 1885 bezogen.

Nachdem das Gymnasium 1926 in einen Neubau im Kirchenfeldquartier umgezogen war, wurde das Schulhaus von der Primarschule und vom Untergymnasium (Progymnasium oder auch Proger) weiter genutzt. Ab 1965 wurden frei werdende Räume von der Töchterhandelsschule (Wirtschaftsmittelschule) und der Berufsmittelschule, von der Gewerblich-Industriellen Berufsschule Bern und der Berufsschule für Verwaltung sowie anderen Schulen belegt.

  • Zwischennutzung -  2004 bis 2007

    Im Sommer 2004 wurde klar, dass die Schulen aus dem Gebäude des ehemaligen Progymnasiums ausziehen würden. Zudem war geplant, dass im Sommer 2006 der Umbau des Progers begänne, um darin zukünftig die Abteilung Gegenwartskunst des Kunstmuseums Bern zu beheimaten. Es öffnete sich ein Zeitfenster von zwei Jahren. Warum dieses nicht kulturell nutzen? Und warum nicht auf Zeit einen Ort öffnen, an dem Kunst entstehen kann, deren Ewigkeit im geplanten Museum wartete? Die Idee "PROGR" war entstanden. Christoph Reichenau, Kultursekretär der Stadt Bern, hatte zum Ziel, die Produktionsbedingungen für Kunst in Bern weiter zu verbessern, die Vermittlung zu stärken und die Vernetzung in der Berner Kulturszene zu intensivieren. Den Auftrag zur Zwischennutzung gab sich die Stadt Bern also selber. Es kam keine Forderung von aussen. 

    Es folgte eine «berauschende Hektik» (Christoph Reichenau). Das Konzept für die Umsetzung wurde ausgearbeitet, ein Betriebsteam gebildet, Räume übernommen, Ateliers ausgeschrieben und Mietverträge ausgestellt. Ende August 2004 waren die Ateliers vermietet, im Oktober des gleichen Jahres zogen die ersten Kulturschaffenden ein. Hundert Tage nach der Schliessung des Schulhauses Proger blühte der PROGR neu auf. Kulturschaffende gestalteten ihren eigenen Ort. Gemeinsam nahmen sie das Haus in Beschlag. Bald wurde spürbar, welch geballte Ladung an Kompetenz, Qualität und Phantasie versammelt war.

    Im November 2004 wurde bekannt, dass das Projekt der Abteilung Gegenwartskunst des Kunstmuseums Bern aus finanziellen Gründen gescheitert war. Das bedeutete, dass nach der kulturellen Zwischennutzung eine neue definitive Nutzung gefunden werden musste. Um genügend Zeit zu haben, verlängerte die Stadt Bern die kulturelle Zwischennutzung des PROGR um weitere drei Jahre bis Ende Juli 2009.

    Dass sich das Provisorium unter der Leitung von Beate Engel, Katrien Reist und Eva Winkler (Abteilung Kulturelles der Stadt Bern) mit seiner Kombination aus Ateliers, Institutionen und einem vielfältigen Veranstaltungsprogramm zu einem Vorzeigebeispiel für direkte Kulturförderung entwickeln würde, hätte beim Start kaum Jemand gedacht. Der PROGR war eine Baustelle, die sich ständig veränderte und auf eine Formel gebracht, ein Ort der Konvivialität war. Es wurde Kunst gemacht, Kunst veranstaltet, über Kunst und ihre Entstehungs- und Förderbedingungen debattiert; die Café-Bar Turnhalle war Treffpunkt und Aufenthaltsraum für Kulturinteressierte, aber auch für Besucher, die nichts mit Kunst am Hut hatten.

    Es herrschte eine gute Atmosphäre, die  Kunst und Alltagsleben verband. Der PROGR wurde zu einem Stimmungsbild für alle, die darin arbeiteten, sich austauschten, Projekte realisierten, lebten. Der PROGR war niemals Konkurrenz für etablierte Institutionen wie die Kunsthalle oder das Kunstmuseum. Innerhalb des PROGR gab es eine intensive Zusammenarbeit unter den Künstlerinnen und Künstlern und den Institutionen im Haus. Experimentelles und Interdisziplinäres wurde gefördert und präsentiert. Das ganze Gebäude vom Keller (Musikräume) bis in den Estrich (Performances) konnte bespielt werden. – Zur Webseite der PROGR-Zwischennutzung


  • 2007 bis 2009

    Seitens der Stadt Bern wurde Mitte 2007 ein Architekten- und Investorenwettbewerb lanciert, um die zukünftige Nutzung des Gebäudes nach Ablauf der kulturellen Zwischennutzung zu bestimmen. Wer mitmachen wollte, brauchte mehr als träumerische Visionen. Es brauchte Konzepte mit einer intelligenten Mischnutzung, einem hohen finanziellen Ertrag, um auch die notwendige Sanierung der Standsteinfassade zu ermöglichen. Die Jury entschied sich im Frühling 2008 für das Projekt «Doppelpunkt» der Zürcher Investorin Allreal AG, die am Standort des PROGR ein Gesundheitszentrum realisieren wollte.

    Da der Kaufpreis der Liegenschaft bei weitem nicht so hoch war wie ursprünglich angenommen, lancierte eine Künstlergruppe (Peter Aerschmann, Matthias Kuhn, Adriana Stadler, Andrea Leila Kühni, Marc Stucki, Sophie Schmidt and Rodja Galli) die Initiative «Pro PROGR». Die Gruppe unterbreitete dem Stadtrat einen Entwurf für ein eigenes Projekt. Sie wollte die Liegenschaft am Waisenhausplatz zu den gleichen finanziellen Bedingungen übernehmen, wie sie der Allreal AG angeboten worden waren. Der Stadtrat beschloss den Künstlern bis Ende 2008 Zeit zu geben, um das Kaufangebot zu  konkretisieren. Es galt, 12 Millionen Franken für die Renovation, die Instandhaltung des Gebäudes und den Betrieb des Atelierhauses zusammenzubringen. Innerhalb von nur knapp 3 Monaten gelang das Kunststück, die geforderte Finanzierung nachzuweisen.

    Es folgte eine mitreissende Kampagne der Künstlerinnen und Künstler im Vorfeld des Abstimmungssonntags, an welchem das Berner Volk in einer Alternativabstimmung über die Zukunft des Gebäudes am Waisenhausplatz 30 entscheiden sollte. Am 17. Mai 2009 stimmte es mit 66% «Ja» für die Weiterführung des Projekts PROGR. Was als temporäre Zwischenlösung für Kulturschaffende begonnen hatte, konnte einer langfristigen Nutzung durch Kulturschaffende zugeführt werden.  – Zur Webseite «Pro PROGR»


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    PROGR BLEIBT – 1. AUGUST 2009 BIS 31. JULI 2039

    Eine Woche nach dem erfolgreichen Abstimmungskampf wurde die Stiftung PROGR gegründet. Am 1. August 2009 übernahm sie die Liegenschaft im Baurecht für 30 Jahre. Ihr Hauptzweck ist es, Kulturschaffenden Werkraum zu erschwinglichen Preisen in einem inspirierenden Umfeld zur Verfügung zu stellen.

    Nach einer Übergangsphase von 6 Monaten übernahm die Stiftung PROGR am 1. Januar 2010 die definitive Betriebsführung. In den 5 Jahren der Zwischennutzung war im PROGR etwas Einzigartiges entstanden, das auch unter der neuen PROGR-Führung weitergelebt und entwickelt werden soll: Künstlerinnen und Künstler aller Sparten arbeiten in über 80 Ateliers Tür an Tür zusammen mit den eingemieteten Kulturinstitutionen und Veranstaltern. Durch die Veranstaltungsräume werden Verbindungen zu der Öffentlichkeit hergestellt.